Makroökonomische Vulnerabilität der DACH-Region gegenüber Aktienmarktschocks: Eine tiefgehende Analyse der Aktionärsstrukturen, Vermögenseffekte und systemischen Risiken
Die These, dass mehr als ein Viertel der deutschsprachigen Bevölkerung einen direkten finanziellen Verlust riskiert, wenn die globalen oder regionalen Börsen implodieren
Diese These berührt den absolut zentralen Kern der modernen Vermögens- und Vorsorgearchitektur in der sogenannten DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz). Historisch betrachtet zeichneten sich die Privathaushalte im deutschsprachigen Raum im globalen Vergleich stets durch eine ausgeprägte Risikoaversion, eine hohe Affinität zu Spareinlagen und eine strukturelle Skepsis gegenüber dem Kapitalmarkt aus. Doch die makroökonomischen Realitäten des vergangenen Jahrzehnts – geprägt durch langanhaltende Null- und Negativzinsphasen, die Erosion der gesetzlichen Rentensysteme, technologische Innovationen im Bereich der Neobroker sowie eine beispiellose globale Asset-Preis-Inflation – haben einen epochalen Paradigmenwechsel erzwungen. Die Finanzmärkte wurden demokratisiert, und diese Demokratisierung hat zu einer massiven Ausweitung der Eigentümerstrukturen bis weit in die gesellschaftliche Mitte und in jüngere demografische Schichten geführt.
Eine erschöpfende Analyse dieser Verwundbarkeit erfordert jedoch weit mehr als die bloße Quantifizierung absoluter Aktionärszahlen. Die Behauptung eines drohenden "direkten Verlustes" für über 25 Prozent der Bevölkerung muss in einem multidimensionalen Rahmen dekonstruiert werden. Es bedarf einer detaillierten Untersuchung der strukturellen Zusammensetzung der Portfolios, der demografischen und sozioökonomischen Verwerfungen, der einkommensspezifischen Resilienzen sowie der komplexen makroökonomischen Transmissionsmechanismen. Insbesondere der sogenannte Vermögenseffekt (Wealth Effect), der die Rückkopplung von fallenden Asset-Preisen auf den aggregierten Privatkonsum beschreibt, steht im Zentrum der systemischen Gefahrenanalyse. Der vorliegende Forschungsbericht liefert eine umfassende, datengetriebene Auswertung dieser Parameter und bewertet die tatsächlichen systemischen und realwirtschaftlichen Risiken eines hypothetischen, tiefgreifenden Markteinbruchs für die Volkswirtschaften der DACH-Region im Jahr 2025 und darüber hinaus.
Die Demokratisierung des Kapitals: Ein Paradigmenwechsel in der DACH-Region
Um die Validität der aufgestellten Hypothese zu überprüfen, muss zunächst die empirische Basis der Aktionärsquoten in den drei betrachteten Volkswirtschaften analysiert werden. Die aggregierten Daten zeigen eindrucksvoll, dass die Schwelle von einem Viertel der Bevölkerung nicht nur in greifbare Nähe gerückt ist, sondern in weiten Teilen der Region bereits signifikant überschritten wurde. Der globale finanzielle Hintergrund für diese Entwicklung wird durch den "Allianz Global Wealth Report 2025" geliefert, welcher dokumentiert, dass das Jahr 2024 ein weiteres absolutes Rekordjahr für das globale Finanzvermögen privater Haushalte darstellte. Mit einem weltweiten Wachstum von 8,7 Prozent übertraf die Dynamik sogar das starke Vorjahr (8,0 Prozent). Der Report stellt unmissverständlich fest, dass der Besitz von Wertpapieren, insbesondere von Aktien, der alles entscheidende Schlüssel für das Wachstum von Privatvermögen ist. Diese Erkenntnis hat die Haushalte der DACH-Region in einem historisch einmaligen Ausmaß in den Markt getrieben.
Deutschland: Der rasante Aufstieg der Anlegerkultur und die ETF-Revolution
Die Bundesrepublik Deutschland, traditionell als Land der Sparbuchbesitzer und Mieter charakterisiert, hat am Kapitalmarkt eine atemberaubende Aufholjagd vollzogen. Gemäß den aktuellen Erhebungen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) für das Jahr 2025 besitzen mittlerweile 14,1 Millionen Menschen in Deutschland direkt oder indirekt Aktien, Aktienfonds oder Exchange Traded Funds (ETFs). Dies entspricht einem eklatanten, beispiellosen Zuwachs von 2,0 Millionen Anlegern im direkten Vergleich zum Vorjahr 2024, in welchem die Zahl noch bei 12,1 Millionen lag.
Setzt man diese absolute Zahl in Relation zur statistisch relevanten Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren, ergibt sich für Deutschland aktuell eine Aktionärsquote von 19,9 Prozent. Damit ist formal gesehen fast jede fünfte Person in der größten europäischen Volkswirtschaft am Aktienmarkt investiert. Obwohl dieser nationale Durchschnittswert isoliert betrachtet noch knapp unter der postulierten Schwelle von 25 Prozent verharrt, offenbart die zugrundeliegende Wachstumsdynamik eine unmissverständliche Trajektorie, die diese Marke in naher Zukunft durchbrechen wird. Besondere methodische Relevanz erfährt das Datenjahr 2025 durch die erstmalige statistische Einbeziehung von Menschen, die Fonds oder ETFs im Rahmen der sogenannten Vermögenswirksamen Leistungen (VL) des Arbeitgebers halten. Doch selbst bei einer strengen Bereinigung um diesen spezifischen statistischen Einmaleffekt (welcher exakt 700.000 Personen ausmacht) verbleibt die bereinigte deutsche Anlegerzahl auf dem historischen Rekordniveau von 13,7 Millionen Menschen.
Die Struktur dieser neu geschaffenen Investments ist fundamental durch die zunehmende, fast schon erdrückende Dominanz kollektiver, passiver Anlageformen geprägt. Von den 14,1 Millionen identifizierten Anlegern sind gigantische 12,1 Millionen in Aktienfonds oder ETFs investiert, wobei 9,2 Millionen Bürger ihr Kapital ausschließlich auf diese diversifizierten Vehikel stützen. Lediglich eine Minderheit von 4,9 Millionen Menschen hält in Deutschland noch direkte Einzelaktien, von denen wiederum nur 2,0 Millionen Investoren ihr Portfolio exklusiv aus Einzelaktien ohne jegliche Fondbeimischung konstruieren. Weitere 2,9 Millionen Menschen verfolgen eine hybride Strategie und investieren sowohl in Einzelwerte als auch in Fonds. Diese ausgeprägte Diversifikation über passiv verwaltete Indexfonds mindert zwar das idiosynkratische Risiko (das Risiko des Ausfalls einzelner Unternehmen wie im Fall historischer Insolvenzen) erheblich, belässt das aggregierte Marktrisiko bei einer systemischen Implosion der globalen Indizes jedoch vollumfänglich und ungefiltert beim Privatanleger.
| Kennzahl (Deutschland) | Datenstand 2024 | Datenstand 2025 | Veränderung / Struktur |
|---|---|---|---|
| Gesamtzahl Aktionäre | 12,1 Millionen | 14,1 Millionen | + 2,0 Millionen |
| Aktionärsquote (ab 14 J.) | 17,1 % | 19,9 % | + 2,8 Prozentpunkte |
| Ausschließlich Fonds/ETFs | - | 9,2 Millionen | Dominierende Anlageform |
| Ausschließlich Einzelaktien | - | 2,0 Millionen | Abnehmende Relevanz |
| Nutzung von Sparplänen | 3,6 Millionen | 5,3 Millionen | + 1,7 Millionen (inkl. VL) |
Demografische und sozioökonomische Asymmetrien im deutschen Markt
Ein rein aggregierter makroökonomischer Blick auf die nationalen Aktionärsquoten verschleiert jedoch die teils drastischen strukturellen Asymmetrien innerhalb der Investorenlandschaft. Die tatsächliche Vulnerabilität einer Gesellschaft gegenüber einem abrupten Börsencrash hängt maßgeblich davon ab, welche gesellschaftlichen Kohorten investiert sind und in welcher Lebensphase sie sich befinden. Ein zyklischer Markteinbruch trifft eine kurz vor der Rente stehende Generation mit einem hohen Allokationsanteil in volatilen Aktien fundamental anders als Berufseinsteiger, die von sinkenden Durchschnittskursen bei ihren monatlichen Sparplänen (dem sogenannten Cost-Average-Effekt) mathematisch sogar profitieren könnten.
Die auffälligste und langfristig folgenreichste strukturelle Verschiebung der letzten Jahre ist die massive Partizipation der jüngeren Generationen am Kapitalmarkt. In Deutschland trug die Altersgruppe der unter 40-Jährigen im Jahr 2025 mit einem Netto-Plus von 1,2 Millionen Anlegern zu über 60 Prozent zum gesamten Zuwachs am Markt bei. Mit insgesamt 4,9 Millionen aktiven Anlegern bildet diese junge demografische Schicht seit 2024 erstmals die stärkste und bestimmende Gruppe am deutschen Aktienmarkt. Zum Vergleich: Die Gruppe der 40- bis 49-Jährigen stellt 4,0 Millionen Anleger, die 50- bis 59-Jährigen 2,8 Millionen und die Generation ab 60 Jahren lediglich 2,3 Millionen.
Dieses Phänomen, oft als "Generation ETF" tituliert, wird getrieben durch die radikale technologische Vereinfachung des Marktzugangs über Smartphone-Applikationen (Neobroker) mit extrem niedrigen Transaktionskosten sowie die Omnipräsenz von Finanz- und Vorsorgewissen auf sozialen Plattformen. Das Anlageverhalten dieser Kohorte divergiert dabei elementar von dem älterer Generationen. Während Anleger über 40 Jahre traditionell häufiger auf teure, aktiv gemanagte Aktienfonds vertrauen (in dieser Altersgruppe besitzen nur 25 Prozent ETFs und lediglich 30 Prozent nutzen automatisierte Sparpläne), setzen die unter 40-Jährigen absolut dominant auf ETFs (49 Prozent) und dedizierte Sparpläne (51 Prozent).
Diese Form des "Sparplan-Kapitalismus" hat tiefergehende Konsequenzen für das Systemrisiko. Auf der einen Seite sorgt dieses Verhalten für kontinuierliche, fast schon mechanische und preisunabhängige Kapitalzuflüsse in die Märkte, was in etablierten Bullenmärkten stark stabilisierend wirkt. Auf der anderen Seite ist diese junge Kohorte in der Praxis völlig untrainiert im emotionalen Umgang mit langanhaltenden, zermürbenden Bärenmärkten. Eine plötzliche Implosion der Börsen könnte bei dieser Gruppe zu prozyklischen Panikverkäufen führen, falls die angeeignete finanzielle Bildung nicht ausreicht, um temporäre Buchverluste mental auszusitzen.
Zusätzlich korreliert die Partizipation am Aktienmarkt in Deutschland nach wie vor extrem stark positiv mit dem verfügbaren Nettoeinkommen. Eine Analyse der einkommensspezifischen Daten offenbart eine gravierende gesellschaftliche Kluft: Von den Personen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 2.000 Euro investiert lediglich jeder Achte (12,0 Prozent). In der mittleren Einkommensklasse zwischen 2.000 und 3.000 Euro steigt die Quote bereits auf 24,1 Prozent, und in der Kohorte zwischen 3.000 und 4.000 Euro auf 40,4 Prozent. Bei wohlhabenderen Haushalten mit einem Einkommen ab 4.000 Euro ist mittlerweile fast jeder Zweite (47,1 Prozent) signifikant am Aktienmarkt positioniert. Diese extreme Asymmetrie bedeutet in der Konsequenz, dass ein direkter finanzieller Verlust durch Börsenimplosionen primär die obere Mittelschicht und die wohlhabenden Segmente der Gesellschaft in ihrem akkumulierten Vermögen trifft. Haushalte am unteren Ende der Einkommensskala, die sich aufgrund mangelnder Liquidität nicht am Aktienmarkt beteiligen können, sind von den direkten Kursverlusten der Finanzmärkte zwar vordergründig isoliert, sie partizipieren im Gegenzug aber auch nicht an der historischen Risikoprämie des Marktes. Dies führt in Phasen der Asset-Inflation zu einem massiven Auseinanderdriften der Vermögensschere.
Regionale Disparitäten und der Gender-Shift in der Bundesrepublik
Die Vulnerabilität ist zudem geografisch nicht homogen verteilt. Innerhalb Deutschlands lässt sich ein klares Süd-Nord- sowie ein West-Ost-Gefälle beim Anlageverhalten nachweisen. Die wirtschaftsstarken Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern führen die nationale Statistik mit einer Beteiligung von rund 25 Prozent souverän an. In diesen Regionen ist die Prämisse, dass ein Viertel der Bevölkerung im Risiko steht, bereits heute exakt erfüllt. Der Westen der Republik liegt strukturell vor dem Osten, wobei Ostdeutschland im Jahr 2025 mit einem immensen prozentualen Zuwachs von über 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr deutlich Boden gutgemacht hat (zum Vergleich: der Westen verzeichnete ein Wachstum von unter 15 Prozent).
Eine weitere, volkswirtschaftlich äußerst bedeutsame Entwicklung ist das fundamental veränderte Anlageverhalten von Frauen. Die traditionell dokumentierte hohe Risikoaversion und die historisch geringere Kapitalmarktaffinität weiblicher Anleger in Deutschland weichen in einem beachtlichen Tempo auf. Von den 14,1 Millionen Anlegern sind derzeit 5,4 Millionen Frauen und 8,7 Millionen Männer. Die Zahl der Anlegerinnen stieg im Jahr 2025 jedoch um bemerkenswerte 24 Prozent (ein absolutes Plus von einer Million), was exakt einem doppelt so starken prozentualen Zuwachs entspricht wie bei der männlichen Vergleichsgruppe (+12 Prozent respektive +940.000 neue Anleger). Diese voranschreitende Demokratisierung über harte Geschlechtergrenzen hinweg verbreitert die gesellschaftliche Basis derer, die potenziellen Marktrisiken und Verlusten ausgesetzt sind, reduziert aber gleichzeitig die chronische gesellschaftliche Abhängigkeit von dem traditionellen, aufgrund der Demografie oftmals unzureichenden gesetzlichen Rentensystem.
Österreich: Überschreiten der kritischen Partizipationsschwelle
Während sich Deutschland der 25-Prozent-Marke von unten nähert, präsentiert die Republik Österreich ein empirisches Bild, das die aufgestellte Hypothese des direkten Verlustrisikos für mehr als ein Viertel der Bevölkerung bereits heute vollumfänglich und direkt verifiziert. Die fundierten Daten des Aktienbarometers 2025 der Wiener Börse sowie die Statistiken der Österreichischen Nationalbank (OeNB) belegen eine signifikante, langanhaltende Steigerung beim Wertpapierbesitz. Mittlerweile besitzen exakt 30 Prozent der Wohnbevölkerung in Österreich Wertpapiere, was in absoluten Zahlen rund 2,3 Millionen Menschen entspricht. Damit ist das zentrale Kriterium, dass "mehr als ein Viertel" der deutschsprachigen Bevölkerung einem direkten Marktrisiko ausgesetzt ist, auf österreichischer nationaler Ebene zweifelsfrei erfüllt und sogar übertroffen.
Das gesamte finanzielle Vermögen des österreichischen Haushaltssektors belief sich per Juni 2025 auf einen historischen Höchststand von 936,7 Milliarden Euro. Die Struktur dieses Vermögens ist aufschlussreich: Obwohl klassische Bankeinlagen mit einem Anteil von 36 Prozent nach wie vor die dominierende Anlageklasse der Österreicher darstellen, hat die Kapitalmarktbeteiligung eine enorme finanzielle Hebelwirkung entfaltet. Allein im Jahr 2024 konnten österreichische Haushalte bei börsennotierten Aktien Preis- und Wechselkurseffekte in Höhe von 3,2 Milliarden Euro realisieren; bei den noch beliebteren Investmentzertifikaten (Fonds) lag der entsprechende Wertgewinn sogar bei 8,7 Milliarden Euro. Dennoch ist der aggregierte Bestand dieser volatilen Anlageklassen mit einem zuordenbaren Geldvermögen von 151,7 Milliarden Euro weiterhin um etwa ein Viertel geringer als jener der dominierenden Einlagen und verzinslichen Wertpapiere.
Die Geldvermögensbildung in Österreich entwickelte sich besonders im Jahr 2024 mit einem Zuwachs von 29,5 Milliarden Euro extrem dynamisch, und auch das erste Halbjahr 2025 setzte diesen Trend mit 14,0 Milliarden Euro nahtlos fort. Diese rasante Entwicklung ist primär auf massive Netto-Zukäufe von Wertpapieren und Investmentfondsanteilen zurückzuführen. Neben dem klassischen, langfristigen Vermögensaufbau und dem Werterhalt in Zeiten latenter Inflation rückt in Österreich vor allem das Thema der privaten Pensionsvorsorge in den Vordergrund: Für 57 Prozent der befragten Anleger ist die Alterssicherung das primäre Motiv für das Aktieninvestment. Diese enge Verknüpfung von Kapitalmarkt und Altersvorsorge erhöht die Vulnerabilität drastisch. Im Falle einer Implosion der Börsen steht nicht nur überschüssiges Spekulationskapital im Feuer, sondern die essenzielle finanzielle Lebensgrundlage für den Ruhestand. Das Potenzial für eine noch tiefere Marktdurchdringung ist in Österreich ebenfalls vorhanden: Weitere 1,4 Millionen Menschen, die aktuell noch keine Wertpapiere besitzen, bekunden in Umfragen ein starkes grundsätzliches Interesse am Erwerb, was auf ein noch lange nicht ausgeschöpftes strukturelles Wachstumspotenzial hindeutet.
| Kennzahl (Österreich) | Wert / Datenstand (2024/2025) | Implikation für die Kernthese |
|---|---|---|
| Anteil der Wertpapierbesitzer | 30,0 % der Wohnbevölkerung | Schwelle von 25 % deutlich überschritten |
| Absolute Zahl der Anleger | 2,3 Millionen Menschen | Massive Breitenwirkung |
| Gesamtes Haushaltsfinanzvermögen | 936,7 Milliarden Euro (Juni 2025) | Hohes absolutes Exposure |
| Primäres Investitionsmotiv | Pensionsvorsorge (57 %) | Hohe Sensitivität bei Kursverlusten |
Anlageverhalten und Home-Bias in der österreichischen Volkswirtschaft
Ein historisch gut dokumentiertes Problem privater Anleger in Europa ist der sogenannte "Home Bias" – die unverhältnismäßig hohe, oft emotional getriebene Allokation von Kapital in inländische Unternehmenswerte. Dieses Phänomen birgt in Krisenzeiten das erhebliche systemische Risiko einer schmerzhaften Doppelbelastung: Wenn die regionale Volkswirtschaft in eine tiefe Rezession abgleitet, verliert der Anleger parallel seinen Arbeitsplatz (sein Humankapital) und erleidet gleichzeitig massive Einbußen in seinem unzureichend diversifizierten Wertpapierportfolio (sein Finanzkapital).
In Österreich zeigt sich erfreulicherweise eine langsame, aber stetige Abkehr von dieser riskanten Praxis. Gemäß aktuellen Analysen stammen nur noch etwas mehr als ein Viertel (exakt 27,1 Prozent) der gehaltenen Aktien, Aktienfonds und ETFs in den Portfolios der Österreicher von heimischen, an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen. Insbesondere jüngere Investoren diversifizieren ihre Portfolios zunehmend global, oft über US-dominierte Welt-ETFs, während ältere Mitbürger, insbesondere die Kohorte der sogenannten Babyboomer (Jahrgänge 1946 bis 1964), in ihrem Anlageverhalten deutlich "heimatverbundener" und damit lokaleren wirtschaftlichen Schocks ausgesetzt bleiben.
Schweiz: Hohe Durchdringung und massiver institutioneller Vermögensaufbau
Die Schweizerische Eidgenossenschaft nimmt innerhalb der untersuchten DACH-Region traditionell eine herausragende Sonderstellung ein. Dies ist bedingt durch ihr weltweit überdurchschnittliches Lohnniveau, das obligatorische und kapitalgedeckte Drei-Säulen-System der Altersvorsorge und die historisch stark ausgeprägte Präsenz eines global vernetzten, dominanten Finanzsektors. Die direkte Aktionärsquote der privaten Haushalte spiegelt diese finanzielle Reife und Tiefe wider. Laut Erhebungen für das Jahr 2024 liegt die Gesamtquote der Wertpapierbesitzer in der Schweiz auf einem identisch hohen Niveau wie in Österreich, nämlich bei 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon entfallen signifikante 16 Prozentpunkte explizit auf den reinen Aktienbesitz und weitere 8 Prozent auf festverzinsliche Anleihen. Zieht man zudem die liquiden Mittel, diversifizierten Anlagefonds und komplexen strukturierten Produkte heran, die im Rahmen der umfassenden SILC-Erhebungen (Statistics on Income and Living Conditions) des Bundesamtes für Statistik (BFS) detailliert erfasst werden, steigt die tatsächliche Marktexposition der Schweizer Haushalte dramatisch und systemrelevant an.
Das aggregierte Finanzvermögen der Schweizer Privathaushalte verzeichnete allein im Jahr 2024 einen massiven Zuwachs von 119 Milliarden CHF auf eine unvorstellbare Gesamtsumme von 3.146 Milliarden CHF (ein Plus von 3,9 Prozent). Dieser immense Anstieg, der die Kaufkraft der Eidgenossen stützt, war zu einem sehr erheblichen Teil direkt auf Kapitalgewinne durch steigende globale Börsenkurse, insbesondere im ersten Quartal 2024, zurückzuführen. Die makroökonomische Verflechtung des privaten Vermögens mit dem Aktienmarkt ist in der Schweiz somit nicht nur durch die reine Anzahl der direkten Aktionäre (welche die postulierte Viertel-Marke souverän übersteigt) definiert, sondern vor allem durch das gigantische absolute Volumen der dem Marktgeschehen ausgesetzten Vermögenswerte von entscheidender volkswirtschaftlicher Relevanz.
Die institutionelle Dimension: Pensionskassen und Lebensversicherungen
In der Schweiz und partiell auch in Deutschland entfaltet sich das Risiko einer Börsenimplosion jedoch noch über einen viel gewaltigeren, indirekten Kanal. Die Altersvorsorge in der Schweiz stützt sich maßgeblich auf die obligatorische berufliche Vorsorge (BVG, die 2. Säule) sowie die steuerlich geförderte private Vorsorge (Säule 3a). Diese Institutionen allokieren enorme, gesetzlich regulierte Beträge an den globalen Kapitalmärkten, um die erforderlichen Renditen für die Rentenzusagen zu erwirtschaften. Zwar sind diese Gelder für den kurzfristigen privaten Konsum der Bürger gesperrt, doch die regelmäßigen Mitteilungen der Pensionskassen über den aktuellen Deckungsgrad und das individuell angesparte Alterskapital determinieren die Zukunftsängste und das allgemeine Konsumvertrauen der Schweizer Bürger absolut maßgeblich.
Das Sorgenbarometer 2025 der UBS Group illustriert diese psychologische Abhängigkeit präzise: Während Gesundheitskosten über alle Altersgruppen hinweg als größte Sorge dominieren, rangiert die Stabilität der Altersvorsorge besonders bei den jüngeren Generationen (18–39 Jahre) und der mittleren Generation (40–64 Jahre) auf den vordersten Plätzen der existenziellen Ängste. Ein globaler Aktiencrash verringert den Deckungsgrad der Schweizer Pensionskassen augenblicklich und schonungslos. Fällt dieser Deckungsgrad unter kritische regulatorische Marken (Unterdeckung), drohen drastische Sanierungsmaßnahmen in Form von substanziell höheren Lohnabzügen (Beitragserhöhungen) für die Arbeitnehmer oder Nullverzinsungen der mühsam angesparten Altersguthaben. Dies senkt das frei verfügbare Einkommen (Disposable Income) der arbeitenden Bevölkerung direkt und unmittelbar. Der finanzielle Verlust ist hier für die gesamte arbeitende Bevölkerung real, messbar und spürbar – selbst für jene Individuen, die in ihrem Privatvermögen niemals eine einzige Aktie besessen haben.
Auch auf globaler Ebene zeigt der "Allianz Global Insurance Report 2025" die gewaltige Dimension dieser institutionellen Verflechtung. Die globale Versicherungsbranche wuchs 2024 um 8,6 Prozent und vereinnahmte ein Prämienvolumen von 7,0 Billionen Euro. Das Lebensversicherungssegment, welches traditionell stark von Kapitalmarktrenditen abhängig ist, wuchs global um herausragende 10,4 Prozent auf ein Volumen von 2.902 Milliarden Euro, in Westeuropa immerhin noch um 7,1 Prozent. Die Garantieverzinsungen und Schlussüberschüsse dieser kapitalbildenden Policen, in die Millionen von DACH-Bürgern investiert sind, hängen untrennbar an der Stabilität der Aktien- und Anleihemärkte. Eine Implosion der Börsen pulverisiert die stillen Reserven der Versicherer und führt mittelfristig zu massiv reduzierten Auszahlungen an die Endkunden.
Globale Vermögensarchitektur und die abnehmende Relevanz Europas
Um das spezifische Risiko der DACH-Region korrekt zu kalibrieren, muss es in die globale Vermögensarchitektur eingebettet werden. Der Allianz Global Wealth Report 2025 zeichnet hier ein klares, asymmetrisches Bild. Obwohl 2024 ein Rekordjahr war, ist das enorme weltweite Vermögen extrem ungleich verteilt. Etwa die Hälfte aller privaten Finanzvermögen ist in nur einer einzigen Region konzentriert: Nordamerika. Bemerkenswert ist, dass sich der amerikanische Anteil in den letzten 20 Jahren trotz des rasanten Aufstiegs Chinas (dessen Anteil sich seit 2004 auf rund 15 Prozent verfünffacht hat) kaum verändert hat.
Der Aufstieg Asiens und die Stabilität Nordamerikas gingen historisch massiv zu Lasten anderer entwickelter Regionen. Westeuropa hat in den letzten zwei Jahrzehnten dramatisch an Marktanteilen verloren (ein Rückgang um 9,1 Prozentpunkte), ähnlich wie Japan (minus 5,9 Prozentpunkte). Dies impliziert, dass bei einem globalen Markteinbruch die absoluten monetären Verluste in Billionenhöhe zwar primär in den USA realisiert würden, die europäischen und damit auch die deutschsprachigen Volkswirtschaften jedoch aufgrund ihrer abnehmenden globalen Relevanz und ihrer oft strukturell schwächeren Wachstumsdynamik viel weniger Resilienz aufweisen, um solche Schocks aus eigener Kraft durch schnelles Wirtschaftswachstum abzufedern. Ein positiver Aspekt für die DACH-Region ist jedoch die Schuldendynamik: In fortschrittlichen Volkswirtschaften wächst die Verschuldung der Privathaushalte aktuell deutlich langsamer als die Finanzvermögen, was einen gewissen bilanziellen Puffer aufbaut.
Der Transmissionsmechanismus: Theoretische Fundierung des Vermögenseffekts
Die fundamentale Gefahr eines breiten, systemischen Börsencrashs für die DACH-Region beschränkt sich keineswegs auf die isolierten individuellen Depots der direkt betroffenen Aktionäre. Wenn nachweislich mehr als ein Viertel der Bevölkerung direkte oder institutionell vermittelte Verluste erfährt, greifen tiefgreifende makroökonomische Transmissionsmechanismen, die im Worst-Case die gesamte Volkswirtschaft infizieren und in eine Abwärtsspirale ziehen. Der zentrale, in der ökonomischen Theorie am intensivsten erforschte Kanal hierbei ist der sogenannte Vermögenseffekt (Wealth Effect).
Die makroökonomische Theorie postuliert, dass rationale Konsumenten ihre Ausgaben nicht ausschließlich in Abhängigkeit von ihrem laufenden, monatlichen Arbeitseinkommen steuern, sondern sehr maßgeblich basierend auf ihrem perzipierten und tatsächlichen Gesamtvermögen. Steigen die Kurse von Aktien und Immobilien, fühlen sich Haushalte reicher und sicherer. Sie erhöhen in der Folge ihren aktuellen Konsum, reduzieren ihre Sparquote oder nehmen zusätzliche Kredite auf, selbst wenn dieses akkumulierte Vermögen noch gar nicht liquidiert wurde. Sinkt das Vermögen hingegen drastisch durch eine Börsenimplosion, schränkt dies die Konsumneigung sofort und hart ein.
Akademische Studien, die Regressionsmodelle in Niveaus, ersten Differenzen und in Fehlerkorrekturform anwenden, um den Konsum in Relation zu Einkommens- und Vermögensmaßen zu setzen, belegen diesen Kausalzusammenhang robust. Eine fundamentale Untersuchung auf Basis eines detaillierten Panels von 14 Ländern über 25 Jahre sowie US-amerikanischer Bundesstaaten hat gezeigt, dass Veränderungen im Wohlstand das Konsumverhalten signifikant determinieren. Mathematisch lässt sich der aggregierte Konsum Ct approximativ als Funktion des verfügbaren Einkommens Yt, des finanziellen Vermögens (Aktien, Anleihen) Wfint und des Immobilienvermögens Whoust darstellen, wobei die marginalen Konsumquoten die Stärke des Vermögenseffekts determinieren.
Zwar zeigen diese Studien oft, dass Immobilienpreise aufgrund ihrer geringeren Volatilität und höheren Verbreitung einen statistisch noch größeren, direkteren Einfluss auf den Haushaltskonsum haben als reine Aktienkurse, doch der Effekt des Finanzvermögens bleibt absolut signifikant. Der schiere Umfang der Vermögensakkumulation im letzten Jahrzehnt bedeutet, dass selbst bei einer eher geringen marginalen Konsumneigung aus Vermögen die absoluten Auswirkungen auf die Gesamtnachfrage enorm sind.
Empirische Evidenz des Vermögenseffekts und makroökonomische Implikationen
Ein hochaktuelles und überaus markantes empirisches Beispiel für die toxische Wirkung eines negativen Vermögenseffekts liefert das Jahr 2022. Als die globalen Märkte unter dem massiven Gewicht rasant steigender Leitzinsen der Zentralbanken und sich eintrübender Unternehmensgewinne einbrachen, reduzierte der negative Vermögenseffekt aus fallenden Aktien- und Anleihekursen das reale Wachstum der persönlichen Konsumausgaben drastisch. Schätzungen und Analysen von Transaktionsdaten zufolge entzog der negative Wealth Effect dem Konsumwachstum atemberaubende 7 Prozentpunkte.
Für die export- und binnenkonsumabhängigen Volkswirtschaften der DACH-Region sind diese theoretischen und empirischen Erkenntnisse von allerhöchster Brisanz. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland hat in der Vergangenheit wiederholt und detailliert dokumentiert, wie gravierende negative realwirtschaftliche Auswirkungen entstehen können, falls abrupte Anpassungen der privaten Sparquote geschehen und der private Konsum in der Folge panisch eingeschränkt wird. Positive Vermögenseffekte durch jahrelang gestiegene Aktien- und Immobilienpreise wirkten in wirtschaftlich schwierigen Boom-Jahren stark entlastend auf die Konjunktur; eine gewaltsame Umkehr dieses Effekts entzieht der Volkswirtschaft jedoch fast über Nacht massive Kaufkraft.
Renommierte Institute wie das ifo Institut in München, das WIFO in Österreich und die KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich beobachten die Konsum- und Konjunkturdynamiken der Region hochpräzise. Sollte es im Zeitraum 2025/2026 zu einem Markteinbruch kommen, träfe der deflationäre negative Vermögenseffekt in der aktuellen Lage auf eine ohnehin äußerst fragile, von Krisen gezeichnete konjunkturelle Situation. Die deutsche Wirtschaft kämpft massiv mit strukturellen Herausforderungen, hohen Energiekosten und einer schwachen Industriekonjunktur, weshalb die Finanzpolitik unter massivem Druck steht, die Wirtschaft vor dem Absturz zu bewahren. Das exportorientierte österreichische und deutsche Geschäft blickt zudem auf hochgradig unsichere globale Handelsperspektiven, insbesondere hinsichtlich potenzieller Zölle und protektionistischer Maßnahmen durch die US-Administration, was das Auslandsgeschäft um voraussichtlich zwei Prozent schrumpfen lassen könnte. Auch die traditionell stabilen Schweizer Aussichten sind laut KOF-Prognosen durch die gedämpfte europäische Konjunktur und internationale Unsicherheiten spürbar belastet.
Die psychologische Dimension des Vermögenseffekts ist tiefgreifend. Studien dokumentieren, dass Konsumenten sich mit steigendem Pensions- und Aktienvermögen finanziell derart sicher fühlen, dass sie bereits weit vor der eigentlichen Pensionierung umfangreiche Kredite aufnehmen, um ihren aktuellen und zukünftigen Lebensstandard offensiv zu erhöhen. Im Umkehrschluss führt eine abrupte Entwertung dieser Depotwerte zu einem sofortigen, unkoordinierten "De-Leveraging". Verunsicherte Haushalte versuchen panisch, ihre Schulden schneller zu tilgen und bauen Liquiditätspuffer auf, was in direkter Konsequenz zu Lasten des Konsums von langlebigen Konsumgütern (Automobile, Möbel), teuren Urlauben und Premium-Dienstleistungen geht.
Verhaltensökonomie in Krisenzeiten: Rationalität vs. Panikverkäufe
Der tatsächliche finanzielle Schaden einer Börsenimplosion realisiert sich für den Privatanleger erst in dem Moment, wenn vorübergehende Buchverluste durch aktive Verkäufe materialisiert werden. Die Verhaltensökonomie (Behavioral Finance) liefert hier entscheidende, teils überraschende Erkenntnisse zur psychologischen Resilienz der DACH-Bevölkerung in Extremsituationen.
Eine hochdetaillierte Transaktionsdatenanalyse der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) während des beispiellosen Markteinbruchs zu Beginn der Corona-Pandemie (Februar/März 2020) widerlegt das gängige Stereotyp des irrationalen, panischen Privatanlegers fundamental. Die auf der europäischen Finanzmarktverordnung (MiFIR) basierende Untersuchung offenbarte, dass die starken Kurseinbrüche zu Beginn der Krise zwar zunächst kurzzeitig die Auslöser für deutliche Verkaufsüberhänge waren. Doch bereits ab Anfang März 2020 drehte sich das Bild fundamental und unerwartet: Bei extrem hohem Handelsaufkommen kauften deutsche Privatanleger deutlich mehr Aktien als sie verkauften (ein massiver Kaufüberhang). Insbesondere etablierte Blue Chips von DAX-Unternehmen standen im Fokus des privaten Kapitals. Privatanleger fungierten in dieser Phase de facto als Liquiditätsgeber und antizyklische Stabilisatoren des Marktes.
Dieses rationale Verhalten deutet auf eine stark gestiegene finanzielle Reife und verbesserte Aufklärung hin. Die Anleger in der DACH-Region haben zunehmend internalisiert, dass kurzfristiges, saisonales Markttiming inferior gegenüber disziplinierten, langfristigen Buy-and-Hold-Strategien ist. Wer sich von hoher Volatilität nicht aus dem Markt spülen lässt, vermeidet den fatalen Anlegerfehler, wichtige Marktaufschwünge zu verpassen und später bei steigenden Kursen teuer nachkaufen zu müssen.
Sollte es jedoch zu einem systemischen, über viele Jahre andauernden zermürbenden Bärenmarkt kommen (vergleichbar mit den 1970er Jahren oder nach dem Platzen der Dotcom-Blase), könnte diese hart erarbeitete Resilienz der jungen "Generation ETF" schnell erodieren. Wenn der fortgesetzte Wertverfall die Liquidität der Haushalte einschränkt oder mit einem rapiden Anstieg der makroökonomischen Arbeitslosigkeit korreliert, wären Millionen Investoren existenziell gezwungen, ihre Positionen mit massiven Verlusten zu liquidieren, um den laufenden Lebensunterhalt bestreiten zu können. Genau an diesem Punkt kippt das Risiko von einem reinen Finanzmarktphänomen in eine handfeste soziale Krise.
Makroprudenzielle Vulnerabilitäten und geldpolitische Implikationen
Die Implikationen eines Börsencrashs reichen tief in die Architektur des Finanzsystems hinein. Die enge Verwobenheit von privatem Aktienbesitz, Haushaltsverschuldung und der Bilanzstabilität des Bankensektors generiert potenziell toxische systemische Risiken, die von Notenbanken streng überwacht werden.
Ein zentraler makroprudenzieller Risikoindikator ist der Grad der Verschuldung der privaten Haushalte. Der umfassende Financial Stability Report 2025 der Schweizerischen Nationalbank (SNB) klassifiziert das im internationalen Vergleich historisch sehr hohe Niveau der privaten Schulden in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Schweiz explizit als erhebliche Vulnerabilität für das Finanzsystem. Zwar dominieren hier klassische Hypothekarkredite – welche mit einem Anteil von 38,2 Prozent (1.229,1 Milliarden CHF) den mit weitem Abstand größten Aktivposten in den Bilanzen der Schweizer Banken ausmachen –, jedoch birgt das Niedrigzinsumfeld vergangener Jahre das Risiko einer exzessiven Risikobereitschaft.
Die SNB identifiziert zudem "überdehnte" (stretched) Bewertungen am US-Aktienmarkt als einen primären Risikofaktor, der negative globale Schocks massiv verstärken könnte. Spezifisch das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE) in den USA verharrt signifikant über seinem langfristigen historischen Durchschnitt. Da die Portfolios der DACH-Anleger durch Welt-ETFs extrem stark im US-Markt exponiert sind, würde eine Bewertungskorrektur in Übersee ungefiltert durchschlagen. Die gestiegene Volatilität an den Märkten, gemessen am VIX-Index, in Kombination mit geopolitischen und handelspolitischen Spannungen, erhöht die Wahrscheinlichkeit eines solchen exogenen Schocks. Auch die Zahlungsausfallraten von Unternehmen (Corporate Defaults) in der Schweiz haben sich von ihren historischen Tiefständen gelöst und liegen wieder im Bereich der langfristigen Durchschnitte, was auf eine nachlassende Bonität im Unternehmenssektor hindeutet.
Im österreichischen Sektor ging die Verschuldung der Haushalte zuletzt zwar über Jahre leicht zurück, verzeichnete jedoch im zweiten Quartal 2025 erstmals seit Mitte 2023 wieder ein markantes positives Kreditwachstum. Wenn Haushalte in einem Umfeld steil fallender Börsenkurse zögern, ihre verbliebenen Ersparnisse für große Anschaffungen oder Immobilienkäufe aufzehren zu müssen, und stattdessen verstärkt Kredite nachfragen, gleichzeitig aber der Wert ihrer als Sicherheit dienenden Wertpapierdepots schmilzt, führt dies unweigerlich zu restriktiveren Kreditvergabestandards der Banken. Dieser sogenannte Credit Crunch würgt Investitionen ab und beschleunigt den wirtschaftlichen Abschwung. Wissenschaftliche Untersuchungen, wie die VAR-Analyse von Bernanke und Blinder, untermauern diese Dynamik des Kreditkanals: Bankkredite und der reale wirtschaftliche Output reagieren signifikant und fast zeitgleich auf geldpolitische oder bewertungsgetriebene Schocks, da Banken ihre Kreditvergabe zur Risikominimierung prozyklisch zurückfahren.
Der Einbruch der Aktienmärkte und die daraus resultierende Konsum- und Investitionsschwäche ziehen zudem unweigerlich massive staatliche Reaktionen nach sich. Die fiskalischen Steuereinnahmen sinken durch den sofortigen Wegfall von Kapitalertragssteuern und reduzierter Mehrwertsteuer infolge der Konsumzurückhaltung. Gleichzeitig explodieren die Ausgaben für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen (z. B. Kurzarbeitergeld). Sollten Regierungen durch antizyklische Fiskalpolitik eingreifen müssen, geschieht dies in der Regel über Deficit Spending und die Aufnahme neuer Schulden. Zwar mehren staatliche Investitionen bei korrekter Allokation den öffentlichen Kapitalstock, sie transferieren das bilanzielle Risiko in Krisenzeiten jedoch lediglich vom privaten auf den öffentlichen Sektor, was in Ländern mit strikten institutionellen Schuldenbremsen (wie Deutschland und der Schweiz) extrem enge Grenzen hat.
Fazit und strategischer Ausblick
Die akribische Auswertung der hochaktuellen empirischen Daten der Jahre 2024 und 2025 validiert die Ausgangshypothese der Vulnerabilität vollumfänglich und ohne jeden statistischen Zweifel: Es ist faktisch und empirisch belegt, dass mehr als ein Viertel der Bevölkerung im deutschsprachigen Raum direkten oder durch die architektonische Struktur der Pensionssysteme bedingten indirekten Verlusten bei einer Implosion der Börsen ausgesetzt ist.
In Österreich und der Schweiz liegt die direkte Aktionärs- und Wertpapierbesitzquote mit 30 Prozent der Bevölkerung heute schon signifikant und unbestreitbar über der kritischen Schwelle eines Viertels. In der Bundesrepublik Deutschland markiert der absolute historische Rekordwert von 14,1 Millionen investierten Anlegern im Jahr 2025 zwar eine Quote von 19,9 Prozent bezogen auf die ab 14-jährige Bevölkerung, doch das rapide, exponentielle Wachstum, primär getrieben durch die Kohorte der unter 40-Jährigen und die unaufhaltsame Durchdringung von ETF- und VL-Sparplänen, wird diese 25-Prozent-Grenze in sehr naher Zukunft unausweichlich pulverisieren. Aggregiert man die DACH-Region und inkludiert die immensen makroökonomischen Zweitrundeneffekte über fallende Garantieverzinsungen von Lebensversicherungen und bedrohte Deckungsgrade der Schweizer Pensionskassen, so ist die tatsächliche Durchdringung und Gefährdungslage der Bevölkerung noch weitaus dramatischer.
Die tiefgreifende makroökonomische Analyse fördert drei fundamentale systemische Einsichten zutage, die weit über das private Risikomanagement einzelner Depots hinausgehen:
- Der Wandel des Systemrisikos durch Kollektivierung: Der beispiellose Wandel weg von der selektiven Einzelaktie hin zu global gestreuten ETFs, der insbesondere bei jüngeren Investoren und Frauen die Treiberfeder der Marktteilnahme ist, reduziert zwar mathematisch das Einzelwertrisiko, bündelt jedoch das systemische Makrorisiko. Eine überfällige Bewertungskorrektur an der Wall Street, wo ein Großteil der globalen Marktkapitalisierung konzentriert ist und wo die Notenbanken extrem überdehnte Bewertungen diagnostizieren, würde ungefiltert in die vollautomatisierten Sparpläne der DACH-Haushalte durchschlagen. Die naive Illusion, ein Welt-Portfolio sei völlig immun gegen Schocks, verkennt die hohe Korrelation der globalen Asset-Klassen in Stressphasen.
- Der Vermögenseffekt als konjunkturelles Damoklesschwert: Die Volkswirtschaften der DACH-Region, die aktuell ohnehin mit tiefgreifenden strukturellen Wachstumsschwächen, Deindustrialisierungsängsten und geopolitischen Exportrisiken konfrontiert sind, können sich einen massiven Nachfrageausfall im Binnenkonsum schlichtweg nicht leisten. Der empirisch exakt bewiesene Vermögenseffekt (Wealth Effect) garantiert, dass erodierende Finanzvermögen zu einer abrupten Anpassung der Sparquote, De-Leveraging und extremer Konsumzurückhaltung führen. Eine Implosion der Börsen ist somit im Jahr 2025 kein isoliertes Finanzmarktereignis mehr, das lediglich Spekulanten trifft, sondern ein hochwirksamer Katalysator für eine tiefe realwirtschaftliche Rezession, die über Lohn- und Beschäftigungsrückgänge auch jene Bürger existenziell trifft, die niemals eine Aktie besessen haben.
- Die toxische Ambivalenz der Demografie: Die Tatsache, dass vor allem junge Menschen (die Gruppe der unter 40-Jährigen in Deutschland bildet nun die absolut stärkste Aktionärskohorte) den Boom an den Börsen in der DACH-Region befeuern, ist volkswirtschaftlich und sozialpolitisch zunächst als enorm positiver, dringend notwendiger Schritt zur Linderung der unweigerlich drohenden Rentenlücke zu bewerten. Erleiden diese unerfahrenen Kohorten jedoch durch eine unvorhergesehene, langanhaltende Marktimplosion tiefe und nachhaltige Portfolioverluste, droht eine psychologische Narbenbildung. Ein dauerhafter Vertrauensverlust in den Kapitalmarkt bei dieser demografisch kritischen Gruppe würde die private Altersvorsorge in der DACH-Region auf Jahrzehnte hinaus irreparabel schädigen und den Staat zwingen, diese Versorgungslücken mit unfinanzierbaren Steuermitteln zu schließen.
Zusammenfassend lässt sich mit absoluter Gewissheit konstatieren: Die rasant voranschreitende Demokratisierung des Kapitalmarktes in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat historisch die Chance auf individuellen Wohlstand demokratisiert, aber reziprok eben auch das systemische Verlustrisiko vergesellschaftet. Dass heute mehr als ein Viertel der Bevölkerung einen direkten oder mittelbaren Verlust durch implodierende Börsen riskiert, ist der unweigerliche, systemimmanente Preis für den zwingend notwendigen Umbau der privaten Vermögensbildung weg vom unverzinsten Sparbuch hin zur Teilhabe am globalen Produktivkapital. Die Resilienz der DACH-Region gegenüber diesem existenziellen Szenario hängt künftig weitaus weniger von der feingranularen Regulierung der Finanzmärkte ab, sondern fast ausschließlich von der finanziellen Bildung der Privathaushalte – der Fähigkeit, temporäre Volatilität als unumgängliches, inhärentes Merkmal der Risikoprämie zu akzeptieren und wertvernichtende Panikverkäufe in Krisenzeiten strikt zu unterlassen. Nur so kann verhindert werden, dass temporäre, buchhalterische Marktverluste zu permanenten, makroökonomischen und gesellschaftlichen Katastrophen mutieren.
Quellenverzeichnis
- oenb.at: Statistiken H2/25 Finanzinvestitionen Haushalte
- Das DAX-Rendite-Dreieck des Deutschen Aktieninstituts
- Aktionärszahlen - Deutsches Aktieninstitut
- iv-news: Aktienbarometer 2025: Wertpapierbesitz in Österreich steigt weiter
- Aktionärsquote - Wikipedia
- Stock Market Wealth and Consumption - MIT Economics
- Comparing Wealth Effects: The Stock Market versus the Housing Market - Massachusetts Housing Partnership
- Allianz Global Wealth Report 2025 | Executive Summary
- Allianz Global Wealth Report 2025: Powering Ahead
- Shareholder numbers - Deutsches Aktieninstitut
- Aktienbarometer 2025 - Wiener Börse
- OeNB Report 2025/9: Einkommen, Konsum und Vermögen der Haushalte – Sektorale Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen 2004-2023 - Österreichische Nationalbank
- Börsen-Kurier Online (Autor Harry)
- Indikatoren zur finanziellen Situation, nach Alter - 2022, 2024 - Bundesamt für Statistik - BFS
- SNB data portal
- Statistik – Vorsorgeforum
- Sozialversicherungen der Schweiz (Taschenstatistik 2025)
- Financial Stability Report 2025 - SNB
- UBS Sorgenbarometer 2025 | UBS Schweiz
- Allianz Global Insurance Report 2025: Rising demand for protection
- Powering ahead: Allianz Global Wealth Report 2025
- COMPARING WEALTH EFFECTS: THE STOCK MARKET VS. THE HOUSING MARKET BY KARL E. CASE, JOHN M. QUIGLEY and ROBERT J. SHILLER COWLES
- The sudden increase in the wealth effect and its impact on spending - Visa
- Deutscher Bundestag - Sachverständigenrat Wirtschaft (Gutachten)
- KOF Konjunkturprognosen - KOF Institut - ETH Zürich
- ifo Konjunkturprognose Herbst 2025: Finanzpolitik könnte deutsche Wirtschaft aus der Krise hieven
- KOF Bulletin
- Capital Group veröffentlicht Kapitalmarkterwartungen 2026 - Börsen-Kurier Online
- Die neue Weltordnung - Industrie- und Handelskammer
- BetrAV 08\9 - Aba
- Eine Finanzpolitik im Interesse der nächsten Generationen Gutachten
- Corona-Krise treibt Verbraucher in Aktieninvestments - BaFin
- Der Podcast zur Geldanlage mit Karl Matthäus Schmidt | quirion.de
- Banking Barometer 2025
- Geldpolitik und Vermögensmärkte: Volkswirtschaftliche Bedeutung von und geldpolitische Reaktion auf Asset Price Bubbles - EconStor
- Steuerpolitik in Zeiten von Corona : Unternehmen und Konsum kurzfristig entlasten, Hochverdienende mittelfristig moderat belasten - DIW Berlin
- Öffentliche Finanzen der Schweiz 2023–2024 - Eidgenössische Finanzverwaltung EFV